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Bemerkungen zu den Arbeiten von Clemens Mitscher

"Mitscher gehört wie viele andere internationale Künstler seiner Generation zu jener Gruppe von Künstlern, die in einer immer ausschließlicher werdenden Medienwelt groß geworden sind. Die Wirklichkeit wird verstellt von den Abbildern der Wirklichkeit, den Reklamebildern, auf die bereits die Pop Künstler der Sechzigerjahre reagiert haben, den gerasterten Videobildern des 24Stunden Fernsehens, den Kaufhauskatalogbildern, die uns zum Erwerb der Waren auffordern, den pornographischen Darstellungen, die permanent Lust perpetuieren, den eingefrorenen historischen Situationen wie den Störungen und Zerstörungen der Zivilisation, wie sie die Zeitungen täglich reproduzieren.

Unser Bewußtsein ist von den Massenmedien beeinflußt und die Dinge uns immer mehr nur mehr als Bilder von Dingen verfügbar. Mitschers Arbeit hat mit dieser Situation zu tun und es ist der Versuch sich dagegen zur Wehr zu setzen, das Problemfeld Wahrheit und Wirklichkeit der Bilder mit Hilfe gezielter Motivwahl und formaler Veränderungsstrategien des photographischen Bildes zu besetzen. Mit der Vorstellung von guter Photographie, das heißt der klaren und präzisen Wiedergabe der Wirklichkeit im photographischen Bild haben bereits Künstler wie Brus, Blume oder Polke gebrochen. Nicht Schärfe, sondern Unschärfe wurde gefordert, das verwackelte, zufällige Bild eines trivialen Gegenstandes, das aller herkömmlichen Photoästhetik Hohn sprach, die Entwickler wurden versetzt mit ätzenden, die Oberfläche des Films verletzenden Chemikalien, die Photokunst der Siebziger Jahre kannte das mechanisch malträtierte Bild. Das Rasterverfahren des photographischen Bildes im Siebdruck war bereits ein beliebtes Verfahren der Pop Künstler. Die Auflösung des konkreten Bildes der Wirklichkeit bis zur Nichtmehrwiedererkennbarkeit wurde ein beliebtes Verfahren. Aus dem konkreten gegenständlichen Vorwand wurde ein abstraktes Gebilde, das Photo erhielt informelle Züge, malerische Überlegungen flossen mit ein.

Stephan Schmidt Wulffen stellt in seinem Buch "Spielregeln" im Hinblick auf Richter zu Recht fest: "Richters Foto Gemälde machen den Betrachter unsicher, welche Form des Blicks angemessen ist. Die Unschärfe wirkt auch als eine ontologische und so geraten die Wahrnehmungsformen durcheinander. Dieses Durcheinander nützt Richter erkenntniskritisch...und an anderer Stelle heißt es und ich erwähne dies so ausführlich, weil es für Mitschers Vorgangsweise von Belang ist. "Indem Polke und Richter diese Nahtstelle zwischen abstrakter gestalterischer Produktion und figurativem Augenschein vorgeblich ontologisch ernst nehmen, eröffnen sie sich ein weites Feld künstlerischer Stellungnahmen." Auf diesem Feld dürfen wir auch Mitscher ansiedeln, der freilich von der Photographie ausgeht und auch nicht wie dies Richter oder Polke tun, die Bildinhalte nivelliert. Mitscher wählt seine Motive ganz bewußt, er will nicht die Austauschbarkeit all dieser Motive im Sinne einer ihnen allen gemeinsamen Trivialität und Banalität dokumentieren, sondern Motiv und Transformation verschränken. Er entwirft zusammen mit der für ihn charakteristischen Farbigkeit ein assoziativ begreifbares Klima der Angst, Vernichtung und Zerstörung, vermittelt dieses Grundgefühl unseres Jahrhunderts, das im letzten Jahrzehnt des Jahrtausend sich zu dem Gefühl einer ökologischen Ohnmacht auswächst nicht didaktisch abstrakt, sondern intuitiv vermittels der von ihm beschworenen "Bilder". Die Nähe zu Verfallsformen von Substanzen, das Ausbleichen wie aber auch das ZUwachsen mit Schwarz, die Nähe mancher Bilder zu Röntgenaufnahmen, zu Schimmelformen, die Auflösung der Form der Bewegung, der UNschärfe vermitteln dem Betrachter ein Gefühl der Beklemmung und der Angst, die sich an den dargestellten Gegenständen nicht immer festmachen läßt. Manchmal sind auch diese Gegenstände Auslöser einer möglichen Assoziationskette, etwa im Falle der Bushaltestelle Stammheim, einer Pistole oder einer Handgranate wie auch deutscher Schäferhunde, die den Betrachter angeifern.

Mitscher bedient sich bei der Herstellung seiner Einzelbilder Diptychen oder mehrteiliger Folgen unterschiedlicher Strategien der Veränderung, die von der Vergrößerung des Bildes ihren Ausgang nehmen. Das Bild überwältigt den Betrachter durch seine Größe wie auch durch die schwefelige Farbigkeit. In MASSA. führt er Waren eines Kaufhauses in einem Bildraster vor; sie werden in Farbe und der oft nur mehr erahnbaren Form so verändert, daß er die auf Kaufverführung angelegten Abbildungen ins Gegenteil verkehrt. Er verfremdet sie, macht sie »ungenießbar«.In den letzten Jahren hat Mitscher Einzelbilder zu Bildfolgen gefügt, wobei das Einzelbild fast einen Stillcharakter aus einem größeren Filmzusammenhang oder einer erzählten Geschichte besitzt, Details auf Totale stoßen; zum anderen wirken (wie in der Arbeit "good guys or bad guys") die Bilder wie Teile eines sich verlangsamenden Vorgangs, formales Spiel mit der Serialität aber auch bewußte Steigerung der expressiven Qualität des Bildes, die mit der Vervielfachung nicht ab sondern im Gegensatz zu Warhols Vervielfältigungen zunimmt. Mitscher löst in seinen Arbeiten die Bildwelt auf. Einer statischen Vorstellung der aseptischen eindeutigen Welt der Glanzphotographie wird die Erfahrung ständiger Veränderung, das Formenspiel und die Zerstörung der eindeutigen Bilder entgegengesetzt. Als kritische Auseinandersetzung mit der Welt der Bilder, die für die Realität gehalten wird."
© Peter Weiermair in Katalog "Kontext", Marburger Kunstverein