Warum arbeiten Sie mit Bildern? Wenn Kindern Geschichten erzählt werden, entstehen in ihren Köpfen Vorstellungen, die sie mit dem Chaos und den Erfahrungen ihrer ersten Eindrücke und späteren Erlebnissen verbinden. Geschichtenerzähler senden Schlüsselreize aus, die dann bestimmte Assoziationsketten in Gang setzen. Wir kennen das aus der Werbung, wenn Bilder und Texte Begehrlichkeiten provozieren. Gleiches gilt auch für Gemälde, Fotografien oder Filme. Lebewesen scannen ihre Umgebung ständig nach Vertrautem und Unvertrautem ab. Ich arbeite mit Bildern oder Bildkombinationen und setze da an.

Production, Los Angeles 2015

Solinger Küche, Solingen 1993

Was interessiert Sie daran? Es sind die Manipulationen und ich versuche, sie zu extrahieren. Die Bilder in dem Familienfotoalbum, mit dem ich aufgewachsen bin, zeigten nur das, was von meinen Eltern ausgewählt wurde, um die glücklichen Momente zu festigen, verdeckten aber bis auf wenige Ausnahmen die von uns Kindern negativ erlebten Momente. Welche Ausnahmen, zum Beispiel? Nun, als mein Großvater plötzlich starb, machten wir einen Spaziergang, und davon landeten einige Fotos im Album, auf denen man uns Kinder leiden sah.

Darkness, 1989

Agent Provocateur, Frankfurt 1986

Ideological Morning Show, Berlin 1982

Mit welchen Bildern sind Sie sonst noch aufgewachsen? Zum einen gab es Fotografien und Illustrationen in Enzyklopädien und Atlanten im Regal meines Vaters, der Staatsanwalt war, und zum anderen gab es viele Modezeitschriften neben der Nähmaschine meiner Mutter, die von Beruf Schneiderin war. Ich erinnere mich deutlich an eine Illustration von "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix, die ich in einer Enzyklopädie fand. Es war ein eingeklebtes Bild, das ich aufklappen konnte. In den Modezeitschriften meiner Mutter hingegen gab es ganz andere Dinge, zum Beispiel Musterblätter, die man auf auffalten konnte. Die vielen Linien beeindruckten mich sehr. Ich kann die Vielfalt und Unterschiedlichkeit meiner damaligen Eindrücke kaum kategorisieren. Bilder waren immer Teil meiner Umgebung und so habe ich mir später angewöhnt, wieder mit Bildern auf meine Umgebung zu reagieren. Es gibt viele verschiedene Ansätze.

Music, Austin 2016

Forbidden Area, Palma 2019

Waren es immer nur Bilder, die Sie inspiriert haben? Nein, natürlich auch reale Dinge, also Dinge, die direkt vor meinen Augen passiert sind. In der Gewerkschaftsjugend, in der ich während meiner Lehre als Betonbauer aktiv war, wurde unser Gesellschaftssystem kritisch reflektiert, und der zeitliche Kontext, in dem das stattfand, die Zeit des Aktionismus der verschiedenen kommunistischen Gruppen, der militanten RAF, aber auch das Aufkommen anderer Bewegungen wie Bhagwan oder sozialer Experimente wie Otto Muehls Aktionsanalytische Organisation (AAO), hatten für mich eine große Sprengkraft. Diese verschiedenen Dinge waren reale Erfahrungen, dennoch habe ich sie eher wie Bilder wahrgenommen, in die ich irgendwie involviert war, weil ich viele Leute kannte, die in den verschiedenen Bewegungen aktiv waren.

Deutsches Bild, 1998

Offensichtlich sind es soziale und politische Kontexte, die Sie dazu gebracht haben, durch Bilder Position zu beziehen? Ja, genau zu dieser Zeit habe ich angefangen, mittels Fotografie Bilder zu machen. Ich habe bei Demonstrationen gegen Atomkraftwerke fotografiert und auch bei den verschiedenen Schulungen der Gewerkschaftsjugend hatte ich immer eine Kamera dabei. Ich begann, meine Umwelt mit selbst gemachten Bildern zu hinterfragen. Es waren manchmal ziemlich absurde Situationen, in die ich verwickelt war. In den Hinterzimmern von bürgerlichen Kneipen lasen Studierende vor einer großen roten Fahne die Schriften von Lenin und Mao und je nach Gruppe, auch solche von Stalin. Die Versammlungen begannen immer mit erhobenen Fäusten, außerdem wurde zu Beginn das "Einheitsfrontlied" und zum Schluss "Die Internationale" gesungen. Bei diesen Versammlungen wurde entschieden, wer demnächst vor einer Fabrik Flugblätter zu verteilen, wer die Werktätigen zu unterwandern hatte oder wer für ein halbes Jahr in die Fabrik gehen musste, um die Arbeitsbedingungen zu studieren. Die Tatsache, dass ich selbst als Betonbauer arbeitete, machte mich zu einem willkommenen Außenseiter unter den Genossen. Erst später habe ich viele der Indoktrinationen durchschaut, denen ich und die anderen ausgesetzt waren. Das alles machte mich hellhörig und führte zu einer Grundhaltung des Misstrauens. Ein Misstrauen gegenüber Manipulation, Werbung, Agitation, Lobbyismus, Verführung und Aufhetzung. Aus dieser Grundhaltung heraus arbeite ich bis heute, was immer auch bedeutet, dass ich auch der Kritik an sich immer misstraue.

Appellplatz, Marburg 2020

Autopsy, 2021

Misstrauen Sie auch Ihrer eigenen Arbeit? Immer! Ich gehe mal zurück in das Jahr 1971. Ich bin 16 und gerade im Kunstunterricht. Der Kunstlehrer hat zwei Plattenspieler und zwei Schallplatten mitgebracht. Von einer der Plattenhüllen zieht er einen Aufkleber mit einer Banane ab, an der anderen zieht er an einem eingenähten Reißverschluss. Er erklärt, dass Kunst mitunter aus dem Unsichtbaren entsteht. Unter dem Bananenaufkleber kommt eine bedruckte rosa Banane zum Vorschein und hinter dem Reißverschluss ist eine bedruckte weiße Unterhose zu entdecken (sie werden wissen, um welche Schallplatten es sich handelte). Anschließend verdunkelt er den Raum, schaltet eine UV-Lampe ein und startet beide Schallplatten gleichzeitig. Die Songs überlagern sich und wir beginnen bei diesem seltsamen Licht zu malen. Kurz vor Ende der Stunde zieht er die Jalousien hoch. Nun erscheinen alle gemalten Farben verändert. Alles ist psychedelisch. Ich würde sagen: Das war der Moment, in dem ich anfing, mich für Kunst zu interessieren. Allerdings habe ich nie wieder im Kontext von UV-Licht gemalt. Aber ich reagierte auf meine Umwelt durch Montage, Aneignung von Bildern und jede Menge Täuschungsmanöver. Andy Warhol, der die Cover gestaltet hatte, habe ich zwar nie getroffen, aber später habe ich Lou Reed, John Cale und die Rolling Stones fotografiert. Aber das ist eine andere Geschichte, die nicht wirklich etwas mit dem zu tun hat, was 1971 passiert ist. Wirklich nicht? Wer kann das schon sagen. Tatsache ist jedenfalls, dass ich Lou Reed einmal in Frankfurt bei einer Ausstellung seiner eigenen Fotokunst getroffen habe. Es ist kaum bekannt, dass er auch in diesem Bereich aktiv war. Während der Veranstaltung gab ihm jemand eine Bananenschale mit der Bitte, sie zu signieren. Das tat er, denn er muss gewusst haben, dass die Bananenschale in Zukunft so braun wird, dass sein Autogramm nicht mehr zu sehen sein würde.

Lou Reed, Frankfurt 2012

John Cale, Austin 2019

Mick Jagger, Dusseldorf 2014

Wie passen eigentlich Rock'n'Roll-Fotografie und Kunst mittels Fotografie zusammen? Sie scheinen in zwei völlig unterschiedlichen Welten zu agieren. Fühlen Sie sich manchmal wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Ha Ha, nein, denn es gibt keinen Konflikt. Tatsächlich ist es eine solide Beziehung, wie etwa die zwischen Eiweiß und Eigelb. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche gemacht. Ich habe Straßen, Brücken und Häuser gebaut und ich war sogar mal Totengräber. Ich habe bei all diesen Dingen immer Fotos gemacht. Heutzutage, wenn ich von einem Rockfestival zum nächsten reise, komme ich automatisch viel herum. Ich mache überall Fotos. Aber ich stehe morgens nicht mit dem Gedanken auf, an diesem Tag irgendwelche Konzepte zu entwickeln. So funktioniert das nicht. Das Bild unten ist zum Beispiel an einem Nachmittag in Los Angeles entstanden. Am Abend hatte ich einen festen Termin mit der New Yorker Band "A Place To Bury Strangers" und davor war jede menge Zeit für andere Dinge. Bei früheren Besuchen in L.A. hatte ich schon einige Schnappschüsse an diesem Ort gemacht, und später in Deutschland kam mir die Idee für ein Bild von Menschen, die das Hollywood Sign fotografieren. Obwohl die Bilder millionenfach im Internet zu finden sind, zeigen sie nicht den Akt des Fotografierens. Mich interessierte nun, wie die Bilder eigentlich entstehen und wollte das in eine Geschichte einbinden. Hollywood steht ja für Fiktion, und die Touristen, die jeden Tag das Hollywood Sign fotografieren, wollen für einen kurzen Moment Teil der Traumfabrik und all der Geschichten werden, mit denen sie aufgewachsen sind.

The Call (A Place To Bury Strangers), 2018

Wir glauben an die Wahrheit von Pressefotos, aber ein Pressefotograf inszeniert auch durch den Beschnitt. Er blendet alles links, rechts und hinter der Kamera aus. Vom Gelände des Griffith Observatory hat man einerseits einen tollen Blick auf Los Angeles und andererseits auf das Hollywood Sign, das sich auf dem Mount Lee in den Hollywood Hills befindet. Beides zugleich ist nicht zu fotografieren. Ich habe die Besucher über einen längeren Zeitraum beobachtet. Auf dem Foto sind 5 Gruppen von Menschen zu sehen, die gerade fotografieren oder Fotos auf den Displays ihrer Kameras überprüfen. Die Gruppe von zwei Frauen im Vordergrund entfernt sich. Gab es einen Anruf, der diese plötzliche Abreise verursachte? Wir wissen es nicht. Der Titel des Bildes "The Call (A Place To Bury Strangers)" stellt die Frage nach der Situation. Und es war tatsächlich die New Yorker Band, für die ich an diesem Tag in Los Angeles war.

Series Instruments, 1994

In vielen Ihrer frühen Arbeiten haben Sie Chemikalien verwendet, um die Bilder zu verändern. Warum sind Sie davon abgekommen?
Nun, es gab noch kein Photoshop. Durch die Chemie konnte ich Bilder stören oder zerstören. Das kam zunächst zufällig zustande, und später habe ich es weiter ausgebaut. Ich habe viel mit Kaliumpermanganat gearbeitet. Ein starkes Oxidationsmittel, ein Grundstoff für den Bombenbau. Letzteres hat mich interessiert, weil ich durch das Ätzen der Bilder den Bildinhalt der Originale angreifen konnte. Ich habe viel aus Zeitungen, Zeitschriften und dem Fernsehen abfotografiert, sozusagen Bilder aus Bildern gemacht. Trotzdem gab es viele Bilder, die ich nicht zerstört habe. Vor allem solche, die ich selbst inszenierte. Wobei ich natürlich betonen muss, dass die Zerstörung durch Chemie auch eine Inszenierung war: eine Inszenierung der Macht. Ich konnte neue Bilder schaffen, indem ich sie zerstörte.

Backstage Pass, Liverpool 2016

Glory Hole, Austin 2017

In vielen Ihrer Bilder geht es um Gewalt. Können Sie auch eine Blumenwiese fotografieren? Man kann alles fotografieren. Ich habe auch schon eine Blumenwiese fotografiert, ja. Allerdings blühten die Blumen auf einem kontaminierten Boden eines ehemaligen Truppenübungsplatzes. Das weiß jedoch nur ich. Im Grunde will ich denen, die sich meine Bilder später mal ansehen, nicht alles verraten. Es reicht, einen Hinweis zu geben, in welche Richtung man denken könnte, aber nicht muss. Und sind die Andeutungen immer da und wie kann man sich ihnen nähern? Nun, ich mache ja kein Kreuzworträtsel. Es kann durch ein Ensemble funktionieren, durch den Titel oder andere Dinge. Es gibt eine Idee und irgendwann ein Ergebnis. Nur ich selbst muss dieses Ergebnis akzeptieren.

Targets, Los Angeles 2018

Missing Tree, London 2014

Es gibt einige Filme, die in meiner Jugend einen großen Eindruck auf mich gemacht haben. Zum Beispiel "Blow Up" von Michelangelo Antonioni, "Planet der Affen" von Franklin J. Schaffner, "Einer flog über das Kuckucksnest" von Miloš Forman oder "Targets" von Peter Bogdanovich. Ich habe einige der Drehorte der Filme besucht und mich dort für einige Zeit aufgehalten. War das wie eine Reise mit einer Zeitmaschine? Ja, vielleicht. Zumindest wollte ich eine Antwort auf etwas, was mir die Filme zuvor nicht gegeben hatten. Ich wollte die Umgebung real und dreidimensional erleben. Ich hatte ein paar Jahre zuvor in meiner "Cinema"-Serie Luftaufnahmen von den Orten verwendet. Ich wusste also, wohin ich fahren musste. Ich fand die Öltanks aus "Targets" im Großraum von Los Angeles, in Van Nuys im San Fernando Valley. Im Film schießt die Hauptfigur Bobby von den Öltanks aus auf Menschen in ihren Autos auf dem nahen Highway. Die Gegend erlebte ich ziemlich gruselig. Auf der Straße lagen Messer, Spritzen, Matratzen und jede Menge Müll. Ich sammelte einiges ein und baute ein Ensemble vor dem Zaun des Geländes. Den Titel "Targets" habe ich vom Film übernommen. Für "Missing Tree", das Foto habe ich im Maryon Park im Südosten Londons aufgenommen, verwendete ich nicht den Originaltitel des Films "Blow Up". Da ich den Film auf einem Tablet dabei hatte, bemerkte ich, dass ein Baum an der Position fehlte, von der aus David Hemmings und Vanessa Redgrave im Film auf jene Stelle blicken, an der sich ein Mord ereignete.

Area, London 2014

Sind es immer Drehorte von Filmen, die Sie noch einmal selbst entdecken möchten? Nein, natürlich nicht. Ich präferiere Dinge, die mich selbst irgendwie tangiert haben. Zum Beispiel die Abbey Road Studios, in denen viele Schallplatten aufgenommen wurden, mit denen ich groß geworden bin. Durch den Eingang gingen alle Bands zu den verschiedenen Studios und inzwischen haben tausende Menschen auf der Mauer vor dem Eingang Zeichen hinterlassen. Die Magie interessiert mich. Die ganze Gegend ist nicht nur ein Mythos, sie ist real. Warum haben Sie den Zebrastreifen, über den die Beatles für ihr Album "Abbey Road" liefen, ausgespart? Nun, der Zebrastreifen ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Wir können diesen leicht mit den Abbey Road Studios in Verbindung bringen. Ich muss diese Kultstätte aber nicht zeigen und wollte sie auch nicht persiflieren, wie dies z.B. die Red Hot Chili Peppers 1988 gemacht haben. Inzwischen gibt es auf der Website der Abbey Road Sudios auch eine Live-Kamera, die den Zebrastreifen permanent aufnimmt. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie man etwas entmystifizieren kann.

Basement Connection, Las Vegas 2015

Dreamland, Liverpool 2017