1996 – Hammer und Sichel (Hammer and Sickle)

Und ein Symbol sagt leise Servus – Clemens Mitschers Hammer-Und-Sichel-Installation in Marburgs Grimm-Stube und im World-Wide-Web
Text (below): Richard Laufner in © TAZ – Die Tageszeitung (18.11.1996)

In der zweiten Weihnachtsnacht 1991 wurde in Moskau die Sowjet-Fahne eingeholt. Aus war’s mit der Sowjetunion – und mit Hammer und Sichel, die im Juli 1918 in Artikel 89 der Sowjetverfassung zu Zentralemblemen des Staatswappens erklärt worden waren. Auf dem Boden der Marburger Gebrüder-Grimm-Stube verteilt liegen nun geschredderte Sowjetfähnchen aus Papier, produziert für kindliche Gorbimaniacs zum Bewinken des letzten Sowjetobersten bei dessen Berlin-Besuch kurz vor der Wende. Eine Litfaßsäule zeigt extreme Vergrößerungen des Hammer-und-Sichel-Emblems. Wie bei Antonionis Film ergeben sich durch das Blow-Up neue Einsichten: Vom Sichelgriff scheint sich ein Tropfen zu lösen. Auf den großformatigen Fotos eines entblößten Rückens deuten sich die Konturen von Hammer und Sichel an. Zufällige Schatten oder Spuren von Folterungen? Der Marburger Künstler Clemens Mitscher (Jg. 55), Absolvent und Dozent an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, bekannt geworden unter anderem durch Arbeiten zur Reichspogromnacht sowie Foto- und Videosequenzen über den Golfkrieg, beschäftigt sich in einer Installation mit dem Verschwinden und der Entsorgung von Hammer und Sichel. Da wird das Emblem miniaturisiert, extrem vergrößert, gepixelt, gestanzt, gefilmt und per Anagramm (Buchstabenverdrehung) russifizierten Berühmtheiten angeheftet. Durch Sponsoring wurden von der Bayerischen Sichelunion die Sicheln, von der Marburger Stempelfabrik die computergestützte Stanzung besorgt. Der Dernier cri der kapitalistischen Moderne, die Reise ins Internet, darf auch nicht fehlen. Solche respektlosen Behandlungen schützen vor einem Abgleiten in Ostalgie. Aber die Entlarvung oder Demaskierung des Symbols ist Mitschers Sache nicht. Das haben schon Karikaturisten der auslaufenden Sowjetunion erledigt. In der verfremdenden ästhetischen Bearbeitung des Staatsemblems und kommunistischen Symbols werden Ambivalenzen freigelegt. Auch politpsychische Double-Binds eines Teil der über 30-jährigen, die sich bei der Vernissage sogar Hammer-Und-Sichel- Stempel auf Kleidungsstücke drucken ließen. Spielerischer Umgang mit einem Symbol, das keinen Schrecken mehr verbreiten kann, oder Überreste einer verschwiemelten Sympathie mit der einst konkurrierenden Gesellschaftsordnung? Mitscher inszeniert die merkwürdige Begegnung eines untergegangenen Symbols mit der alternativlos gewordenen kapitalistischen Moderne. Als Zeichen einer gesellschaftlichen Hoffnung mögen die schon bei der UDSSR-Gründung obsoleten Symbole für Industrie und Landwirtschaft verspielt haben. In Mitschers Installation passen Hammer und Sichel nirgendwo mehr hin, eine besondere Utopie. In einem Anfall von Fürsorge hat der Marburger erwogen, die internationalen Rechte für das Emblem zu erwerben. So soll es Parfümeuren oder Modemachern entzogen werden. Solche fürsorgliche Privatisierung könnte dem Kollektivsymbol am Ende seiner Geschichte nur noch eine letzte Groteske bescheren.

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